Dr. Cornelia Heering

Studierte in Münster an der Westfälischen Wilhelms-Universität Germanistik, Kunstgeschichte, Pädagogik und Philosophie. Promoviert hat Frau Heering mit der Untersuchung über "Die Kultur des Kriminellen - Literarische Diskurse zwischen 1918 und 1933. Ernst Weiß. Mit einem Exkurs zu Rahel Sanzara".

Cornelia Heering ist Geschäftsführerin in der Westermann Gruppe in Braunschweig und leitet dort die Westermann Lernspielverlage. Sie ist zudem Lehrbeauftragte an der Universität der Künste in Berlin.

Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Zusammenhang zwischen Wahrnehmung und Lernen, Bildung und Spiel.

Abstract

Don’t crack under pressure

Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um!

Stimmt das? Und wenn ja, nur bei Glatteis? Wer ist denn in diesem Fall eigentlich das ‚Wer‘?

Ist denn nicht eigentlich die Gefahr manchmal gerade die Hebelwirkung, die Besseres zutage fördert an unserem Selbst, die eine Erprobung des Gelernten darstellt, einen Übergang, eine Technik, die uns unsere eigene Geschichte transzendieren lässt?

Die Frage hat etwas mit unserer Perzeption, unserem Bewusstsein und unserer Wahrnehmung zu tun. Wie die Strukturiertheit von Mustern uns hilft, Neues zu lernen, Gefahren zu erkunden, Widerstände zu überwinden und Innovationen zu erfinden, das ist Gegenstand einer Veranstaltung im Rahmen des  B.A.S.S. Art & Science Symposium.

Den Ausgangspunkt von Untersuchungen zur Perzeption bildet häufig die Beobachtung der kognitiven Entwicklung von Kleinkindern. An dieser Stelle scheint die unmittelbare, ungefilterte Wirkung von Wahrnehmungen rückschließbar und für den Beobachter verstehbar zu sein. Wie sieht ein Kind, das noch nicht über die Ausdrucksfähigkeit der Sprache verfügt, seine Umwelt oder einen Gegenstand? Und was glauben wir, die Beobachter, geht im Gehirn des Kindes dabei vor?

In der Veranstaltung wird versucht, anhand von Wahrnehmungsinszenierungen unseren Irrglauben, unsere Täuschung darüber, dass wir darin, was ein Wahrnehmungsmuster ist, etwas Wirkliches erkennen können, zu überprüfen. Denn was immer wir an einem bestimmten Punkt am Anderen, an uns, am Kind, am Bewusstsein ausgedrückt finden, bedarf einer neuen Interpretation. Aus dieser Interpretation wird der Wille zum Neuen geschaffen, Kreativität, Überwindung von Hindernissen, und Genuss der Schönheit.


Prof. Dr. Dr. h.c. Walter Zieglgänsberger

Arzt und Hirnforscher - ehern. Leiter der Abteilung Klinische

Neuropharmakologie am Max-Planck-Institut für Psychiatrie München.

Geboren 1940 in Landshut, studierte Walter Zieglgänsberger an der LMU München Medizin.

Nach seiner Approbation im Jahre 1971 widmete er sich am MPI für Psychiatrie zunehmend der neurobiologischen Grundlagenforschung.

 

1976 habilitierte er sich in den zwei Fächern Physiologie und Pharmakologie und erwarb den Facharzt für Pharmakologie und Toxikologie und den Facharzt für Klinische Pharmakologie.

Von 1979 bis 1983 forschte Walter Zieglgänsberger in verschiedenen Laboren in Europa und den USA (AVD-Center for Behavioral Neurobiology, The Salk Institute in La Jolla, Kalifornien) und wurde 1984 als apl. Professor an die LMU München berufen.

Seit der Rückkehr nach München leitete er von 1984 bis zu seiner Emeritierung die Arbeitsgruppe „Klinische Neuropharmakologie" am MPI für Psychiatrie.

 

Walter Zieglgänsberger ist Mitglied in hochrangigen nationalen und internationalen medizinischen Kommissionen und Gesellschaften.

 

Ausgedehnte Vortrags- und Gutachtertätigkeit, u.a. für die DFG, Vorlesungen und Betreuung von Doktoranden als Member der Core Faculty of the Graduate School of Systemic Neuroscience der LMU. 
Zahlreiche Workshops im Rahmen der Weiterbildung für Ärzte. Mitglied der Ethikkommission der Bayerischen Landesärztekammer. 
Mitglied des Sachverständigenausschusses nach §1 Abs.2 Betäubungsmittelgesetz (BtMG) beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, BfArM, Bundesopiumstelle. Präsident der European Winter Conference on Brain Research.
Vizepräsident des wissenschaftlichen Vereins Muskel und Schmerz.

 

Zu seinen Hauptarbeitsgebieten zählen molekularbiologische und pharmakologische Aspekte neurohumoraler Übertragungsmechanismen im Zentralnervensystem. Besondere Berücksichtigung fanden von Anfang an Schmerz- und Suchtforschung. (siehe ggf. auch neuere Interviews in der ZEIT, der FAZ, NZZ, SZ oder TV-lnterviews u.a. wiederholt bei Scobel, BRalpha Forum etc.; mehrere Lehrfilme für Ärzte/Medizinstudenten).

 

Für seine wissenschaftlichen Verdienste erhielt Walter Zieglgänsberger zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Deutsche Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie, der Ehrenpreis des deutschen Schmerzpreises - Deutscher Förderpreis für Schmerzforschung und Schmerztherapie, der Galenus v. Pergamon Preis und der Sertürnerpreis. Die TU München verlieh ihm 2012 die Ehrendoktorwürde.

Abstract

Hirnforschung – faszinierend und voller Fragen. W. Zieglgänsberger

Die Erforschung des Gehirns ist eine der größten Herausforderungen der Menschheit. In den letzten Jahrzehnten hat das Wissen über die Funktionen des Gehirns enorm zugenommen. Die Neurowissenschaften gelten derzeit als die wichtigste Wissenschaftsdisziplin unserer Zeit. Moderne Methoden ermöglichen faszinierende Einblicke in den strukturellen und funktionalen Aufbau unseres Gehirns. Wo aber stößt die Hirnforschung an ihre Grenzen? Kann sie uns helfen die komplexeste aller Organfunktionen weitgehend zu verstehen? Es ist wahrscheinlich, dass wir eines Tages die Prinzipien der Ordnung des Denkens verstehen werden und vielleicht können wir dann auch erkrankten Menschen besser helfen. Die Ordnung unseres Denkens wird bestimmt durch nicht-linear arbeitende, sich selbst organisierende neuronale Netzwerke, die sich im Verlauf einer Biographie individuell ausgestalteten. Die Lebenserfahrungen eines Menschen scheinen vorwiegend in seinen Synapsen gespeichert zu sein. Wir gehen heute davon aus, dass die über 100 Milliarden Nervenzellen des menschlichen Gehirns durch 1 Billiarde Synapsen miteinander verbunden sind und pro Sekunde 10 Billiarden synaptische Informationseinheiten erzeugen.

 

„Geist“ ist eine gebündelte Hirnleistung. Die Wissenschaft ist – wie das Leben selbst – ein kollektiver geistiger Prozess. Wenn der „Geist“ die Welt wahrnehmen will braucht er u.a. Augen, Ohren und ein Gehirn. Die Wissenschaft vom „Geist“ kann daher nur eine „Naturwissenschaft“ sein. Wie lassen sich in diesen neuronalen Netzwerken dynamische Veränderungen auf Denken und Fühlen auslösen? Was sind die neurobiologischen Grundlagen für die spezifisch menschliche Fähigkeit Sprache zu entwickeln, oder warum fesselt Schönheit unsere Aufmerksamkeit und warum schreiben wir schönen Menschen sogar mehr positive charakterliche Eigenschaften zu? Wir wissen, dass die Wahrnehmung nicht allein vom Sehvermögen unserer Augen abhängt und die ungestaltete Wirklichkeit nicht auf Ästhetik angelegt ist. Wahrnehmung ist das Resultat komplexer neuronaler Vorgänge in unserem Gehirn. Ab wann spricht man von Kunst und wie abhängig ist der Kunstgeschmack von kulturellen Vorlieben und Prägungen? Was passiert beim Betrachten eines Kunstwerkes oder beim Hören von Musik. Wie entsteht Kunst im Kopf? Ist sie ausschließlich eine kulturelle Leistung des Menschen? Ist die Wahrheit hässlich? Haben wir die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zugrunde gehen (F. Nietzsche)? Ist alles erlaubt, was gefällt? Was geht im Kopf eines Künstlers vor und was im Kopf des Betrachters, wenn ihn ein Bild besonders berührt?

 

Gibt es universelle Prinzipien, nach denen Kunst funktioniert? Es gibt Hinweise dafür, dass Musik eindrucksvolle Veränderungen der Hirnstruktur bewirken kann. Erzeuger und Adressaten nutzen dabei die kreativen und konstruktiven Fähigkeiten ihrer Gehirne. Künstler eröffnen Bereiche jenseits der vorgefundenen Wirklichkeit und machen diese für andere erfahrbar. Wo aber liegt der evolutionäre Sinn von Kunst für die menschliche Gesellschaft? Schönheit fesselt unsere Aufmerksamkeit. Auch höherentwickelte Tiere haben einen ästhetischen Sinn, der eine große Rolle in der Evolution spielt. Es ist überraschend, dass dabei auch beim Menschen entwicklungsgeschichtlich alte Hirnregionen wie das limbische System und die Sinnesreize verarbeitenden Areale stark involviert sind. Die Neuroästhetik hat als neue Wissenschaft noch viel zu erklären. Der hochentwickelte Schönheitssinn des Menschen ist mit den derzeit zur Verfügung stehenden Methoden kaum zu erfassen. Schönheit begeistert und rührt uns an. Ob es universelle Attribute gibt, die alle Menschen als schön empfinden, ist umstritten. Hat sich das Leben von einer rein zweckorientierten Anpassung an die Umwelt emanzipiert? Bildgebende Techniken angewandt auf das Gehirn erlauben nur eine erste Annäherung, vielleicht sogar eine weitgehend unzureichende, um zu verstehen, wie wir Kunst wahrnehmen.  

 

Gedächtnis: Erlebnisse werden zu Erfahrungen

Erfahrungen hinterlassen Spuren der Erinnerung im Nervensystem, die uns helfen, den Alltag zu bewältigen und unser zukünftiges Verhalten besser an die Erfordernisse der Umwelt anzupassen. Dabei filtert das Gehirn die permanent eingehenden Informationen. Es werden vermutlich nur jene gespeichert, die für die Anforderungen der Umwelt an uns in Zukunft von Bedeutung sein könnten. Das Gedächtnis passt sich zeit unseres Lebens an; ohne diese Verarbeitung früherer Erfahrungen wäre unser Leben unvorstellbar. Jede Erinnerung ist ein Prolog: Eine Erinnerung stellt die Informationen zur Verfügung, die dem Handeln in Gegenwart und Zukunft dienen. Die Fähigkeit zum Nachvollziehen von Plänen und Absichten (Theory of Mind) und zum Mitfühlen von Emotionen (Empathie) ist eine äußerst wichtige soziale Eigenschaft des Menschen und lässt sich auch bei höher entwickelten Tieren nachweisen. Ohne die Fähigkeit, die Gefühle anderer mit Hilfe dieses sozialen neuronalen Netzwerks nachzuempfinden, kann keine dauerhafte Beziehung entstehen. Soziale Intelligenz erkennt den Überlebenswert gemeinsamer Rituale. Einige Neurowissenschaftler gehen davon aus, dass sog. Spiegelneurone, also Nervenzellen, die sowohl bei eigenen als auch bei der Beobachtung fremder Handlungen aktiv sind, eine neuronale Grundlage für Empathie und Theory of Mind bilden. Doch diese Ansicht ist durchaus umstritten.

 

Chronische Schmerzen: Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung

Neue Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung lenken den Blick in der Schmerzmedizin zunehmend über die Behandlungen der peripheren Gewebeschädigung hinaus auf maladaptive neuroplastische Veränderungen im Zentralnervensystem. Diese Veränderungen sind nicht nur vorübergehender Natur - Schmerzen können ohne weitere nozizeptive Signale aus der Peripherie fortbestehen. Der Patient lebt in der ständigen Angst vor wiederauftretenden Schmerzen und entwickelt eine negativ geprägte Erwartungshaltung. Der immer wieder erlebte Schmerz erzeugt das Gefühl des Ausgeliefertseins. Eine moderne multimodale Schmerztherapie nutzt die Lernfähigkeit des Gehirns. Im Zentrum der molekularen Gedächtnisforschung stehen heute strukturelle und funktionelle Vorgänge an Dendriten und ihren kleinen Fortsätzen, den Spines. Da ein bereits bestehendes Schmerzgedächtnis nicht einfach gelöscht werden kann, zielen multimodale Therapiekonzepte auf eine Revision des Schmerzgedächtnisses. Durch Kombination medikamentöser und psychotherapeutischer Maßnahmen werden die Betroffenen zur aktiven Mitarbeit motiviert - neue Lernprozesse werden angestoßen. Ziel ist es, durch „Re-Learning“ die Modifikation einer dysfunktionalen Kognition zu erreichen. Die Möglichkeit diese durch Angst, Schmerz, Depression und Schlafstörungen geprägte negative Erwartungshaltung durch positive Erfahrungen zu revidieren bleibt bis ins hohe Alter erhalten. Der erlittene Kontrollverlust bedeutet einen Stressanstieg, den der Patient durch Anpassungsreaktionen abzufangen versucht. Angst wird zum Kernsymptom des chronischen Schmerzes. Inzwischen gibt es detaillierte Erklärungsansätze dafür, wie die funktionellen und strukturellen Veränderungen im Zentralnervensystem bei chronischen Schmerzen zustande kommen und welche mögliche Bedeutung sie für innovative Ansätze in der Therapie chronischer Schmerzen darstellen. Zu Beginn der therapeutischen Lernphase sollte das Erreichen einer deutlichen Schmerzreduktion oberste Priorität haben. Ein wachsendes Verständnis des Beitrags von Lernvorgängen zur Ausprägung und Erhaltung schadreizinduzierter Neuroplastizität hat die Prävention und Behandlung pathologischer Schmerzzustände auch im klinischen Alltag bereits deutlich verbessert. Chronischer Schmerz wird heute als eine eigenständige komplexe Erkrankung gesehen.

 

Alles, was das Leben lebenswert macht, hat etwas mit Gefühlen zu tun. Der Verstand soll aber in keinem Lebensbereich völlig fehlen (K.Popper).


Tom Levold

Diplom-Sozialwissenschafter, Systemischer Therapeut, Supervisor, Coach, Organisationsberater und Publizist. Lebt und arbeitet in freier Praxis in Köln. Zahlreiche Veröffentlichungen zur systemischen Theorie und Praxis. Herausgeber von „Systemische Therapie und Beratung - das große Lehrbuch“ (Heidelberg 2014).

Abstract